Es war ein kühler Morgen. Feine Nebelschwaden hingen tief über dem Boden und überzogen Gräser und Sträucher mit einer feinen Schicht aus Tau. Es gab weit und breit keinen Baum in der hügeligen Landschaft. Im Westen fiel das Land in Form von Küsten steil hinab ins Meer, als wäre es dort einfach abgeschnitten worden. Wasser und Wind hatten den Klippen mit der Zeit bizarre Formen verliehen, Höhlen und steinerne Bögen geschaffen und sich immer weiter ins Gestein gegraben. Das Rauschen der Brandung war deutlich zu hören.
Die Sonne tauchte gerade am Horizont auf. Es sah aus, als würde sie gerade aus dem Meer tauchen. Ihr rötliches Licht fiel auf einen Drachen, der einsam am Himmel kreiste.
L’kan nahm einen tiefen Atemzug. Wie lange hatte er diesen Geruch nicht mehr gerochen, den Geruch des salzigen Meeres, vermischt mit dem Duft der Kräuter, die hier überall wuchsen und typisch für die Gegend waren.
„Hier kommst du also her, Mein?“
„Ja…“ L’kan schloss kurz die Augen, einfach nur um diesen Moment in seinem Inneren bewahren. Seit Geboleth sich bei ihrer Gegenüberstellung vor etwas mehr als zwei Umläufen für ihn entschieden hatte, hatte L’kan sich nichts mehr gewünscht, als Geboleth seine Heimat zeigen zu können.
„Hübsch! Mir gefällt’s!“
„Das freut mich!“ meinte L’kan grinsend.
„Ich höre Glockengeläut… ah, da vorne ist ne Herde, siehst du?“Geboleth wies mit seinem Kopf nach Nordosten.
„Es ist nicht mehr weit. Siehst du die Felsformation da? Mein Dorf ist ganz in der Nähe davon. Mit grosser Wahrscheinlichkeit sind das die Herdentiere meines Dorfes.“
„Ich bin aufgeregt! Ich war noch nie in einem Dorf…. Naja, ich war noch überhaupt nirgends, abgesehen auf Patrouillenflug und Fädenkampf…“
„Jetzt haben wir ja alle Zeit der Welt, uns alles anzusehen, bis wir in einem neuen Weyr einen Unterschlupf finden.“
„Die anderen waren über unsere Pläne ja nicht so begeistert…“„Einem Drachen und seinem Reiter steht es jederzeit frei, den Weyr zu verlassen, vergiss das nicht. Wo ein Drache ist, ist auch ein Weyr, egal, was für ein Ort das sein mag!“
„Ha, wir gründen unseren eigenen Weyr!“ meinte Geboleth scherzend.
Je näher sie dem kleinen Siedlung kamen, umso nervöser wurde L’kan. Wie würde seine Familie und die anderen Dorfbewohner wohl auf Geboleth reagieren? Natürlich hatten sie sich regelmässig Briefe geschrieben, um sich gegenseitig auf dem Laufenden zu halten, aber Geboleth in Natura gegenüberzustehen war wohl etwas anderes. Vor allem war er auf die Reaktion seines Vaters gespannt. Schliesslich war der in einem Weyr aufgewachsen, konnte aber nie einen Drachen für sich gewinnen.
„Sie werden mich schon nicht auffressen… aber andersherum vielleicht…“Für diese Bemerkung erntete der Blaue einen gespielt empörten Ausruf L’kans und einen Klaps auf den Nacken. „Dass ich dich das nicht in ihrer Gegenwart sagen höre!“ meinte er drohend.
Augenzwinkernd drehte Geboleth seinen Kopf nach seinem Reiter um.
Sie waren der Siedlung nun schon sehr nahe. Die Herdentiere hatten den Drachen erspäht und stieben panisch auseinander. Die Jungen, die das Vieh hüteten, deuteten aufgeregt gegen den Himmel. Einige winkten, also winkte L’kan zurück. Einen von Ihnen erkannte er als einen seiner Freunde aus seiner Kindheit.
Geboleth stiess indessen ein fröhliches Trompeten aus.
„Und dabei wollten wir doch so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen…!“
Geboleth hatte dafür nur ein Schnauben übrig.
„Jetzt wissen sie zumindest mit wem sie’s zu tun haben…“
„Naja, was soll’s… um die Uhrzeit ist sowieso schon das halbe Dorf auf den Beinen. Ob wir jetzt mit grossem Trara herangerauscht oder uns still und heimlich rein geschlichen hätten, unbemerkt wären wir kaum geblieben…“
„Siehst du, dann sich doch lieber gleich richtig vorstellen!“
„Da, beim Brunnen kannst du landen, der Platz müsste für dich reichen.“
Kaum hatten Geboleths Klauen den Boden berührt, waren sie bereits von einer Schar neugieriger Dorfbewohner umringt. Wenn ein Drachenreiter die kleinen Siedlungen aufsuchte, dann war entweder etwas Schlimmes passiert oder es hatte vor kurzem Fäden geregnet. Auf vielen Gesichtern, die vorher voll Sorge geblickt hatten, breitete sich nun aber Erstaunen oder Freude aus, als sie den Reiter des Drachens erkannten.
„Es ist Lukan!“ rief jemand.
„Lukan ist wieder da! Er ist wieder da!“
Breit grinsend stieg L’kan von Geboleth ab. Dieser streckte sein Vorderbein so aus, dass L’kan es als Treppe benutzen konnte.
„Hallo zusammen. Schön, euch wiederzusehen!“
„Lukan, bist du’s wirklich?“
„So wahr ich hier stehe! Darf ich euch Geboleth vorstellen?“
Der Drache begrüsste die Dorfbewohner nochmals mit einem lauten Trompeten. Dann senkte er seinen Kopf, um sich die Leute genauer anzusehen, seine Facettenaugen wirbelten grün und blau.
„Lukan!“
Es war die Stimme seines Vaters Toren. Noch bevor L’kan sich ganz umgedreht hatte, wurde er von zwei starken Armen gepackt und so fest gedrückt, dass ihm für eine Weile die Luft wegblieb.
„Vater!“ L’kan erwiderte die Umarmung. Als sein Vater ihn los liess, sah L’kan, dass er vor Freude richtig strahlte. „Und das ist also dein Drache…“
Bei den Worten wandte sich Geboleths Kopf Toren zu. Seine Augen blitzen kurz gelb auf, anscheinend war der Blaue überrascht. „Es ist mir eine Ehre, dich kennen lernen zu dürfen, Geboleth!“ Der Blaue neigte leicht den Kopf, die Augen nun wieder ein einziger Wirbel aus grünen Farbtönen.
„Auch für mich ist es eine Ehre, dich kennen zu lernen!“
Nachdem sie alle der auf dem Platz versammelten Menschen begrüsst hatte, machte L’kan sich gemeinsam mit seinem Vater auf zum Haus seiner Familie. Einige Dorfbewohner begleiteten sie, Geboleth trabte, mit einigen Kindern auf seinem Rücken, hinterher. Sowohl er als auch die Kleinen schienen dabei jede Menge Spass zu haben....

