Auch Luarcis umkreiste mit seinen beiden Verkörperungen die dunkle Stadt. Es war nicht ganz einfach, ihre Bewegungen zu koordinieren, je weiter sie sich voneinander entfernten, desto schwieriger wurde es. Luarcis hatte auch noch Mühe, das Gleichgewicht seiner Konzentration auf seine beiden Hälften zu finden, er konnte Teile seines Bewusstseins von einem Elementardrachen auf den anderen übertragen, um diesen dann kontrollierter zu steuern. Dabei wurde dann aber der jeweils andere Körper vernachlässigt und drohte abzustürzen, da dessen Flügel nun mal nicht automatisch schlugen. Schließlich hatte er aber genügend Übung darin, sein Bewusstsein genau aufzuteilen und die beiden Elementardrachen in Position an entgegengesetzten Punkten um die Stadt und damit dem Stab in gleichmäßigem Abstand zu den Anderen zu bringen. Der Stab war immer noch damit beschäftigt, die schwarzen Energien der Stadt in sich aufzunehmen, er war überheblich und selbstsicher darüber, nun absolut unbesiegbar zu sein. Doch eine solche Arroganz, so wusste Luarcis, hatte schon viele Mächtige vor ihm zu Fall gebracht und so war er sich gewiss, dass der Stab nun keine Ausnahme bilden würde.
Plötzlich wurde er von einem gleißenden Licht geblendet, das von Tarar kam. Er spürte die pulsierenden Energiewellen, die von ihr ausgingen und seine(n) Körper mit einem ungeheuren Gefühl der Wärme und des Glücks durchfluteten. Selbst der Stab erwachte aus seinem tranceähnlichen Zustand, in dem er seine Kräfte konzentriert hatte und schaute zu der Quelle dieser ungeheuren Macht.
Luarcis beobachtete gleichsam mit Erstaunen und Faszination Tarars Verwandlung. Hätte er in dieser Zeit nicht so viele Wunder und Dinge gesehen, die er sich bis dahin kaum vorstellen konnte, hätte er nicht für möglich gehalten, was er dort vor sich sah.
Als Tarar in ihrer strahlenden Lichtgestalt erschien, konnte er kaum erfassen, was aus ihr geworden war.
„Jetzt weiß ich also, warum du dich einen Traumdrachen nennst, ein Engel könnte nicht schöner sein! Nun hast du also zu deiner wahren Gestalt gefunden und wohl Vollkommenheit erlangt.“, sprachen die Luarcis letztendlich aus einem Munde.
„Oh ja, wir sind mehr als bereit!“, erwiderten sie schließlich auf Tarars Frage hin und wendeten sich langsam die Fassung wiedererlangend dem Stab zu.
„Siehst du nun, Stab, wozu wir fähig sind? Wyver hatte einmal gesagt, dass wir nicht stark genug seien, die Elemente zu kontrollieren. Tja, nun SIND wir die Elemente und wir sind fest entschlossen, dein Vorhaben zu vereiteln!“, riefen die beiden Elementardrachen ihm zu und konzentrierten ihre Energien für den letzten entscheidenden Schlag. Vom Feuerluarcis breiteten sich rötliche Flammenschwaden über die schon vorhandenen schwachen Verbindungen zu den anderen Elementardrachen aus, der Humusluarcis setzte eine sich windende, grünlich-golden schimmernde Energie in alle Richtungen frei. Doch schon sogleich vermischten sich die Elementarkräfte mit Tarars Lichtkugel und den damit transportierten anderen Elementen. Die Seiten des Heptangramms erfüllten sich mit breiten und massiven Energiestrahlen, gleichzeitig in allen nur erdenklichen Farben leuchtend und doch wiederum in keiner einzigen, ein festes Band zwischen den Elementardrachen, für den Moment absolut unzertrennbar und den Stab im Inneren des Symbols in einen magischen Käfig sperrend.
Luarcis fühlte sich, als ob seine beiden Hälften nun wieder miteinander verbunden wären, doch nicht nur das, genauso fühlte er sich mit den Anderen komplett vereint, wie zu einem einzigen Wesen verschmolzen und doch immer noch körperlich voneinander getrennt. Die Energieströme zwischen den Drachen dienten wie übernatürliche Muskel- und Nervenverbindungen zwischen ihnen, alle Gefühle und Gedanken jedes einzelnen Drachens durchströmten gleichsam auch alle anderen. Nicht zuletzt spürte Luarcis die gesamten Energien der Anderen ihn durchströmen, als ob es seine eigenen wären. Er fühlte, wie er stärker wurde, von einer Kraft durchflossen, die ein Einzelner von Ihnen niemals hätte aufnehmen können, doch nun waren sie ja schließlich alles andere als auf sich allein gestellt. Luarcis war überwältigt von diesem Gefühl und spürte, wie seine beiden Verkörperungen durch diese heilige Macht wuchsen und sogar den mit reiner dunkler Energie geladenen Stab überragten.
„Du fragst dich, wie wir so stark geworden sind?“ fragten beide Luarcis schließlich mit unnatürlicher Stimme, die aus allen Winkeln des Energienetzes des Heptangramms widerhallten.
„Nun, das werde ich dir verraten!“, erwiderte der Feuerluarcis.
„Du beherrscht zwar die Macht der Elemente, doch eines wirst du niemals kontrollieren können! Das stärkste Element ist immer noch das Leben selbst, geschaffen erst im Zusammenspiel aus allen anderen und damit ihre gesamte Kraft in sich vereinend. Doch du verachtest das Leben, willst es zerstören und im Keim ersticken, deswegen bleibt es dir verwehrt, aus seiner unergründlichen Macht zu zehren. Wir dagegen allerdings haben uns geschworen, diese Welt und damit alle Lebewesen auf ihr vor deinem dunklen Einfluss zu beschützen und das Gleichgewicht, das du so empfindlich gestört hast, wieder herzustellen. Wir schöpfen aus einer Kraft, die du nicht begreifen kannst und daher wirst du uns letztlich ungeachtet aller Anstrengungen deinerseits niemals besiegen können!“, sprach der Pflanzenelementar mit fester Stimme.
„Du hast Angst!“ rief nun wieder der Feuerdrache. „Ja, das solltest du auch. Du wirst nun das Schicksal erfahren, dass du uns Allen zuteil werden lassen wolltest. Spüre die geballte Lebenskraft der Welt, die du vernichten wolltest! Mögest du im strahlenden Licht der Erneuerung gereinigt werden, auf dass deine verdorbene Existenz vom Antlitz dieser Erde verschwinden und der Kreislauf des Universums wieder seinen gewohnten Gang nehmen möge!“
Dann öffneten auch beide Luarcis ihre Mäuler und zogen ihre gesamte Energie zusammen. Die leuchtenden Verbindungen des Heptangramms wurden allmählich schwächer, als die Drachen ihre Energie bündelten, um sie für den entscheidenden Angriff zur Verfügung zu haben. Doch das war nun egal, der Stab konnte nicht mehr fliehen und musste hilflos mit ansehen, wie die vereinte Macht der Drachen und auch der ihm einst untertänigen geläuterten sieben Magierseelen auf ihn zuraste und ihn einschloss.
Ihm wurde nun das Los zuteil, das letztlich alle machthungrigen und besessenen Tyrannen ereilt: Er war nun ganz allein, auf sich gestellt, niemand war mehr da, den er kontrollieren, herumkommandieren und unterdrücken konnte, alle hatten sich von ihm ab und gegen ihn gewandt und im letzten Moment seiner Vernichtung kam ihm die Erkenntnis über sein Scheitern.
Der elementare Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkelheit, Leben und Tot hatte nun seinen Höhepunkt erreicht. Das Schicksal der Welt hing von diesem einen Moment, von diesem letzten entscheidenden Angriff ab. Doch der Kampf war zu diesem Zeitpunkt schon längst entschieden, denn der Stab hatte seine Macht verloren, sein dunkler Einfluss gebrochen und damit die Quelle seiner Kraft, die sich aus Emotionen wie Hass, Neid, Angst und Missgunst ernährt, versiegt. All diese Gefühle waren den Drachen und nun auch den Seelen der sieben Magier fremd, es gab nichts mehr, das den Stab hätte stärken können und so war er wehrlos der gleißenden Lichtkugel ausgesetzt, die ihn umschloss und seinen aus Dunkelheit geschaffenen Körper wie einen Schatten im hellen Sonnenlicht verbannte und zu Nichts auflöste. Jedes andere Wesen hätte diese heilige Energie zu ungeahnter Stärke und Reinheit verholfen, doch der Stab, Inbegriff des Bösen und ohne einen Funken Güte, wurde von dieser Kraft wie trockenes Laub im Feuer verbrannt, nichts als Asche zurücklassend, denn es gab nur Schwärze in ihm und somit nichts anderes, das in diesem Licht hätte bestehen können.
Als das Licht erlosch, sank auch Luarcis erschöpft nach unten, nun da seine Kraft und Konzentration verbraucht war, konnte er seine Verwandlung nicht länger aufrechterhalten und seine beiden Hälften zogen sich wie Magneten unaufhaltsam an und verschmolzen letztendlich wieder zu einem Wesen.
Luarcis sah nach oben zum Stab, der gerade in seine Einzelteile zerbarst und die Splitter in alle Himmelsrichtungen verschwanden. Er nickte zustimmend auf die Worte der Elementarklauen hin: „Ja, ich weiß selbst nur zu gut, dass das Böse niemals vollständig besiegt werden kann. Man kann stets nur dafür sorgen, das Gleichgewicht zu bewahren. Es ist ein immerwährender Kampf, schon vor Urzeiten begonnen und wohl auch noch bis in alle Ewigkeit fortdauernd. Doch es wird glücklicherweise so wie uns immer Jene geben, die sich aufmachen um sich ihm zu stellen, um dafür zu sorgen, dass die Dunkelheit nie die Oberhand gewinnt und der Kreislauf des Lebens nicht durchbrochen wird. Wir haben heute einen großartigen Sieg davongetragen und den Frieden in dieser Welt wiederhergestellt. Doch auch wenn er nicht von Dauer sein wird und das Böse sich früher oder später erneut erheben wird, ist unsere Tat trotzdem nicht vergebens gewesen, denn sie ist ein Zeichen dafür, dass das Gute letztlich immer triumphieren kann. Der Samen des Bösen steckt leider in uns allen und nur zu oft findet er genügend Nährboden, um zu keimen und zu wachsen. Doch genauso glimmt die Hoffnung in Denen, die an eine bessere Zukunft glauben und die ihnen die Kraft verleiht, über sich selbst hinauszuwachsen und Dinge zu vollbringen, die für den Einzelnen fast unmöglich scheinen. Vergesst nie, schon das kleinste Licht vermag die Finsternis zu vertreiben! Wir können wahrlich stolz auf uns sein, denn wir haben heute etwas vollbracht, das nur wenigen wohl gelungen wäre!“, sprach Luarcis zu seinen Freunden und spürte plötzlich, wie ein seltsames Kribbeln durch ihn fuhr.
Die Elementarkrallen, nun fast erloschen, da sie ihre gesamte Macht gegen den Stab verbraucht haben, lösten ihre symbiotische Verbindung zu Luarcis’ Körper, die Feuerkanäle und Pflanzenranken, die seine Schuppen und Körper durchsetzt und mit ihrer Energie gespeist hatten, zogen sich zurück und verschwanden wieder in den Krallen selbst. Schließlich lösten sie sich vollständig von ihm und flogen nach oben, um sich in die Elementardrachen zu verwandeln. Als die Drachen ihm und den Anderen die angepassten Elementarkrallen vermachten, sah Luarcis lächelnd zu den hell schimmernden Naturwesen auf.
„Danke, diese Zeichen werden uns immer an euch und diesen glorreichen Tag erinnern. Auch wenn sie wohl nicht mehr als ein Medium sein werden, um unsere Kräfte zu bündeln und besser entfalten zu können. Wir sind auf die echten Elementarkrallen nicht mehr angewiesen, denn wir haben auch ohne sie unsere Fähigkeiten weit entwickeln können, deswegen habt ihr uns wohl auch wieder verlassen, richtig? Dies alles war doch wahrscheinlich nur eine einzige große Prüfung, nicht nur aus denjenigen bestehend, die wir bestehen mussten, um euch zu erlangen. Die ganzen Kämpfe und Gefahren haben uns stärker gemacht, es waren nicht die Krallen, die an Macht gewonnen haben und uns schließlich zu dem gemacht haben, was wir geworden sind, sondern wir selbst sind an unseren Erlebnissen und Erfahrungen gewachsen und damit in die Lage versetzt worden, den Stab zu vernichten. Schließlich konnten auch die Krallen letztlich nur so stark sein, wie wir selbst. Wir dienten ihnen als Quelle ihrer Kraft, alleine hätten sie den Stab nicht wieder besiegen können. Deswegen haben sie sich mit uns verbunden um mit uns gemeinsam den Kampf aufzunehmen. Jemand Anderes hätte ihr volles Potential nicht entfalten können und auch wir waren erst am Ende unseres Weges stark genug, den Todesgriff des Stabes zu brechen. Ihr habt uns gezeigt, was in uns steckt und wozu wir fähig sind, wenn wir nur an uns selbst glauben, dafür möchte ich euch danken. Das Geschenk, das ihr uns gemacht habt, sind in Wirklichkeit wohl nicht diese Krallen, sie sind letztlich doch nur ein Abbild dessen, was wir durch euch bekommen haben, oder?“, sprach Luarcis zu den Elementardrachen, doch diese nickten nur zustimmend und wandten sich dann an Tarar, kurz bevor ihre Eltern vor ihnen erschienen.
Als Luarcis Tarar in ihrer Lichtgestalt erblickt hatte, kam er auf den Gedanken, dass wohl kein anderes Wesen existieren konnte, das ihrer engelsgleichen Ausstrahlung gleichkommen würde. Doch ihre Mutter gab mindestens den gleichen wunderschönen Anblick ab, wie Tarar. Ihr Vater dagegen war das genaue Gegenteil davon, er machte einen unheimlichen Eindruck auf Luarcis und einen Moment lang dachte er, dass ein Höllendämon erschienen war, um den Stab zu rächen. Er begriff nicht ganz, was ihre Unterhaltung zu bedeuten hatte, doch als Tarar sich wieder in ihre ursprüngliche Gestalt zurückverwandelte, ahnte er, welches Opfer sie gerade erbracht hatte.
„Nun hast du abermals deinen Großmut bewiesen und auf große Kräfte verzichtet, um deinen Freunden einen Gefallen zu erweisen. Ich hab ja schon immer gewusst, dass du etwas ganz Besonders bist, schon seit dem Zeitpunkt, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Aber ich konnte stets nur erahnen, welche Geheimnisse und Wunder in dir stecken. Und auch jetzt bin ich der Ansicht, dass ich dich wohl nie ganz verstehen kann. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass jemand wie du mir bisher noch nie untergekommen ist und ich bin stolz darauf, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Ich verspreche dir, dass du deine Entscheidung nicht bereuen wirst, ich werde dir beistehen, wenn du jemals meine Hilfe benötigen solltest, so wie ich es bisher auch getan habe!“, sagte Luarcis bestimmt zu Tarar und sah dann zu, wie die Elementardrachen sowie die Seelen der wiedergeborenen Magier verschwanden und dorthin zurückkehrten, wo sie hingehörten.
Als Varok sich dann unvorhergesehen plötzlich verabschiedete, wich Luarcis lächelndes Gesicht einem ernsten Ausdruck.
„Machs gut, mein Freund, jeder von uns muss schließlich seinen Weg gehen. Doch auch ich bin mir sicher, dass wir uns wiedersehen werden. Die Pfade des Schicksals sind unergründlich, verworren, verschlungen und nicht selten einander kreuzend! Es war auch Schicksal, das uns hier zusammengeführt hat und uns dieses Abenteuer hat erleben lassen. Nur gemeinsam konnten wir letztlich gewinnen, jeder von uns hat seinen Teil dazu beigetragen. Und so wird es sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir uns begegnet sind, denn wie schon gesagt, war dieser Kampf auch nur eine Schlacht von vielen, zweifellos eine der Größten, doch sicherlich nicht die Letzte. Ich würde dir ja liebend gerne auch meinen wahren Namen verraten, doch leider kenne selbst ich ihn nicht, ich habe meinen eigenen Weg eben noch nicht gefunden“, fügte Luarcis noch mit leicht betrübten Blick an und griff dann zum Abschied fest nach einer von Varoks Pranken. „Lebe wohl und pass gut auf dich auf, ich werde keinen von euch je vergessen.“
Als Varok in dem Tunnel verschwunden war, wurde der Blick auf den Himmel frei und Luarcis sah urplötzlich mit höchst sorgenvoller Miene zu den Wolken. Sie waren alle so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie nicht gemerkt hatten, was sich über ihren Köpfen zusammenbraute. Nachdem der Stab zerfallen war, löste sich zwar die schwarze Wolkendecke, die den ganzen Himmel überzogen hatte, allmählich auf und die Sonnenstrahlen brachen wieder durch, aber direkt über der Stadt Nekropolis blieben die Dunstschleier so dicht wie eh und je. Der dunkle Wolkenwirbel, der über ihnen kreiste, zog sich scheinbar sogar noch fester zusammen und bewegte sich immer schneller. Ein seltsames, elektrisierendes Gefühl lag plötzlich in der Luft, man konnte die Unruhe förmlich spüren. Das Meer um die Stadt herum peitschte immer mehr auf und ein schwaches Rumoren tönte aus den Tiefen unter dem Boden der Stadt nach oben. Ein bedrohliches Grollen schallte aus den nun tiefschwarzen Wolken und kleine Blitze knisterten zwischen ihnen hin und her. Es wurde immer heftiger, so dass auch die Anderen es bemerkten und unsicher nach oben und zwischen ihnen selbst hin und her schauten.
„Ähhm, ich glaube, dass wir die Sache noch nicht ganz überstanden haben. Ich würde vorschlagen, dass wir besser schleunigst von hier verschwinden, was meint ihr?“, rief Luarcis den Anderen entgegen, während er beobachtete, wie die düsteren Wolkenformationen durch die starken Energieentladungen in ihnen innerlich zu glühen begannen. Mächtige Blitze zuckten nun mit immer tieferen Ausläufern direkt über ihren Köpfen umher und die Wände der Türme der roten Stadt, auf denen sich die Drachen zur Erholung niedergelassen hatten, vibrierten unüberhörbar mit einem dumpfen Geräusch. Die anderen nickten nur stumm und machten sich dann ungewöhnlich schnell auf, die Stadt hinter sich zu lassen und zur Hauptinsel zurückzukehren.
Keinen Moment zu früh, denn im Zentrum des Wolkenwirbels hatte sich inzwischen ein hell leuchtender, fast gleißender Schimmer gebildet und die Fundamente der Stadt fingen bedrohlich an zu wanken, während die spritzenden Wellen schon über die Stadtmauer traten und einzelne Strassen überfluteten.
Der Stab hatte sich der Kraft der Elemente bemächtigt, um die Stadt vom Meeresgrund wieder auferstehen zu lassen. Doch sie gehorchten ihm nur widerwillig, was er im Moment seiner Vernichtung auch am eigenen Leibe zu spüren bekam. Nun, vom Joch des Stabes befreit, gerieten die Naturgewalten völlig außer Kontrolle. Der Stab hatte große Mächte gewaltsam an diesem Ort zusammengezogen und damit das Weltgefüge empfindlich gestört. Doch nun war sein Wille gebrochen und daher versuchten die Elemente das entstandene Ungleichgewicht wieder zu korrigieren und alles zu entfernen, was nicht rechtmäßig an diesen Platz gehört. Diese Stadt, der Ort, an dem der Stab geschaffen und an dem er letztendlich auch vernichtet wurde, sollte mit ihm untergehen und damit das letzte Vermächtnis seiner Existenz ausgelöscht werden.
Der leuchtende Schein in den Wolken entlud sich schließlich in einem einzigen, mächtigen Energiestrahl auf die Geisterstadt. Er war von schweren Blitzen umschlungen und traf direkt in das Zentrum der Stadt, auf die Burg, in dessen Hof das Ritual zur Erschaffung des Stabes durchgeführt wurde und die ihm einst als Herrschersitz und Ausgangspunkt seines Zerstörungsfeldzuges diente. Die Energiewelle breitete sich schlagartig in alle Richtungen aus, fegte durch die leeren Gassen und nahm unnachgiebig alles mit sich, das sich in ihrem Weg befand. Häuser und Türme stürzten wie Streichhölzer zusammen und wurden in Schutt und Asche gelegt. Ein heftiges Erdbeben ließ den Boden aufreißen, die Stadt schien förmlich in sich auseinander zu brechen. Allmählich sanken die übriggebliebenen Teile der Stadt nach unten, das Wasser drang bis in jeden Winkel vor und spülte jede Erinnerung an die vergangenen Geschehnisse einfach hinfort. Die letzten eingestürzten Türme verschwanden unter der Wasseroberfläche, als die Ruine der Stadt in den Tiefen des Meeres versank, diesmal entgültig, auf dass sie niemals wiederkehren würde. Die Elemente hatten ihren Tribut gefordert und sich das einverleibt, was ihnen zustand, die Unregelmäßigkeiten beseitigt und dafür gesorgt, dass der Lauf der Welt wieder seinen gewohnten Gang nahm.
Doch die Stadt, das letzte Überbleibsel des Stabes, sammelte ihre letzten verbleibenden Kräfte für ein allerletztes Aufbegehren, ein Protest gegen den Verrat der Magier und gegen das Versagen ihres Meisters. Der Stab konnte, als er die dunkle Macht der Stadt in sich aufnahm, sein Vorhaben nicht ganz zu Ende führen und so befand sich in ihrem Inneren immer noch eine geringe Menge an Energie. Durch die Zerstörung der Stadt wurde diese nun freigesetzt und entlud sich ungehindert in die Umgebung. Aus der Tiefe des Meeres löste sich eine heftige Schockwelle, die das Wasser mit voller Wucht durchschlug. Eine gewaltige Flutwelle türmte sich an der Stelle auf, an der sich zuvor die Stadt befunden hatte und breitete sich kreisförmig in alle Richtungen aus. Die Wellen reichten fast bis zu den Wolken und rasten mit ungeheurer Geschwindigkeit über die Wasseroberfläche.
Die Drachen hatten schon beinahe die Küste erreicht, sie waren so schnell geflogen, wie sie konnten und hatten nur einmal kurz zurückgesehen, um zu beobachten, wie die Stadt erneut unterging. Doch sie waren immer noch sehr erschöpft und kamen daher nur langsam voran. Sie versuchten, was sie konnten, doch sie schafften es nicht mehr rechtzeitig und wurden von der Flutwelle mitgerissen, übermannt von einem der Elemente, die ihnen noch kurz zuvor so bedingungslos gehorcht hatten…
Etwas kitzelte in seiner Nase und als er die Augen öffnete, schnaufte Luarcis, um die Gischt, die hineingeschwappt war, wieder herauszublasen. Er richtete sich langsam auf und sah sich um. Er befand sich am Strand der Hauptinsel, die Flutwelle musste sie an die Küste gespült haben. In seiner Nähe lagen Tarar und Waterstorm, die ebenfalls gerade wieder zu sich kamen. Wie durch ein Wunder schienen sie alle unverletzt, oder war es vielleicht am Ende gar kein Zufall gewesen? Luarcis war das egal, ihm war nur wichtig, dass sie alle es heil überstanden hatten. Er blickte auf das Meer hinaus und suchte den Himmel ab. Die dunklen Wolken waren nun vollständig verschwunden und die Sonne tauchte die Wasseroberfläche in einen glitzernden Schimmer. Luarcis hatte das Meer noch nie so ruhig erlebt, kein Wind regte sich, keine Wellen brachen in der Ferne am Horizont. Es schien, als ob die Naturgewalten für einen kurzen Moment zur Ruhe gekommen wären, um den neu entstandenen Frieden auf der Welt mit ihnen zu teilen.
„Nun ist es entgültig vorbei, unser Werk ist getan!“ sprach Luarcis erleichtert zu den Anderen und half ihnen auf.
„Lasst uns gehen, wir haben wahrlich einen langen und harten Tag hinter uns und etwas Ruhe verdient. Wir…“, er wurde plötzlich von einem grollenden Geräusch in seiner Magengegend unterbrochen und sah dann verduzt in die Runde.
„Was haltet ihr von einem kleinen Imbiss, die Welt zu retten macht doch ziemlich hungrig!“, rief er laut lachend und setzte ein breites Grinsen auf, er war einfach nur glücklich darüber, dass sie es nun endlich geschafft hatten und sich von ihren Strapazen erholen konnten, ohne fürchten zu müssen, dass irgendeine dämonische Macht in der Zwischenzeit den Weltuntergang vorbereitet.
Luarcis stieg langsam ein paar Klippen hinauf und sah dann noch einmal auf das Meer hinaus. Ein schwacher Wind umwehte ihn, in der Ferne zog ein Vogelschwarm vorbei und auch die Delphine sprangen wieder fröhlich im klaren Wasser herum. Alles schien wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen und die vorherigen Ereignisse würden wohl auch schon bald in Vergessenheit geraten. Die Meisten hatten vermutlich gar nichts von diesen ganzen Geschehnissen mitbekommen und gingen ihren normalen Beschäftigungen nach, nichts ahnend, dass es lange Zeit fraglich war, ob sie den nächsten Sonnenaufgang überhaupt erleben würden. Doch Luarcis würde das alles niemals vergessen, seine Freunde, die er gefunden hatte, die gemeinsame Zeit, die er mit ihnen verbrachte, die Abenteuer, die sie zusammen durchgestanden hatten und das Gefühl der Geborgenheit, das sie ihm gaben und ihn sicher machten, einen Platz in der Welt gefunden zu haben. Sie alle hatten sich durch diese Erlebnisse verändert, sowohl körperlich, als auch geistig. Doch eins würde sich, so wusste Luarcis, wohl niemals mehr ändern: Das Band, das nun zwischen ihnen herrschte und ihnen die Kraft verliehen hatte, ihre Mission zu erfüllen. Es hatte den nur denkbar schlimmsten Umständen standgehalten und war so unzertrennlich geworden, in der Lage, selbst die Ewigkeit zu überdauern.
Luarcis drehte sich um und nickte seinen Freunden zu, in der Gewissheit, das größte Geschenk von allen erlangt zu haben.
„Lasst uns gehen!“, sprach er mit einem fast schon dankbaren Unterton, froh darüber, diesen Moment erleben zu dürfen und ging dann mit festen Schritten einen Pfad entlang, um eine kleine Träne zu verdecken, die ihm über die Wange lief…
ENDE (Nr. 2

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